Grabstätte der Familie Otto Wolff

Foto: Friedhof I, 2024

Kurzbeschreibung der Grabstätte:

Das Wandgrabmal besteht aus der hellen Varietät eines Elbsandsteins vom Typ Cotta. Die Verwitterungsspuren am bildhauerisch anspruchsvollen Schmuckgiebel, in den Flächen und besonders in Bodennähe sind für das Gestein leider typisch.

Den Dreiecksgiebel ziert ein Engel. Darunter wird in großen Lettern auf die Grabstätte der Familie Otto Wolff hingewiesen. Dieser Namensblock wurde vermutlich später einmal komplett erneuert, da sich dort die intensive Verwitterungszone von oben nicht fortsetzt. Er könnte aus einem anderen Elbsandstein, dem sogenannten Reinhardsdorfer Sandstein bestehen. Zwei mittig angeordnete Pilaster mit zierlicher Ornamentik an den Kapitellen und in der Fläche enden in Sockeln auf einem Gurtgesims.  Rechts und links vom Mittelteil waren je dreigeteilt Flächen für das Anbringen von Inschrifttafeln vorgesehen.  Jedoch nur die abgehende linke Seite trägt die Namen der in der Grabstätte ruhenden Familienangehörigen. Diese Schrifttafeln könnten aus dem um 1900 häufig verwendeten Werkstein „Schwarz-Schwedisch“ bestehen, ein Gabbro-Gestein aus Südschweden.1)

Die Grabstätte wurde 2005 unter Denkmalschutz gestellt. 

Personengeschichtliche Bedeutung:

Die Nutzungsrechte für diese Grabstätte erwarb der Fabrikbesitzer Otto Wolff am 20. Oktober 1893. Beigesetzt wurde am 21. Oktober die am 19. Oktober verstorbene Mutter Friederike Wilhelmine verw. Wolf, verwitwet gewesene Oehme, geborene Morgner aus Treuen. 2)

 

Foto: Brigitte Kunze, 2025

 

Für Friederike Wilhelmine gestaltete sich das Leben nicht einfach. Schon einmal jung verwitwet, heiratete sie am 14. Februar 1843 Heinrich Eduard Wolff. Neun Kinder brachte sie zur Welt.3) Der Ehemann und Vater war Kaufmann, handelte mit weißen Baumwollwaren und Gardinen. 1852 musste er Konkurs anmelden, am 08. Juni 1859 starb er in einem Sanatorium in Pirna.4)

Schon 1855 ergriff Wilhelmine die Initiative und gründete eine Bleicherei und Appreturanstalt, die sich zum damaligen Zeitpunkt an der Hofer Straße befand.5)

Zusammen mit ihren in der Zwischenzeit herangewachsenen Söhnen Carl Otto (31.10.1844 - 22.11.1897) und Carl Hermann (26.04.1846 - 22.03.1887) nahm sie am 4. April 1864 in Plauen, Am Mühlgraben 1, den Neubau einer Bleicherei und Appretur-Anstalt für Gardinen und feine glatte Waren in Angriff. Ende 1865 erfolgte die Eröffnung des Geschäftes durch Carl Otto Wolff.

 

Foto: Vogtland-Museum

Eine Bekanntmachung im Vogtländischen Anzeiger und Tageblatt vom 25. Januar 1868 weist darauf hin, dass am 15. desselben Monats die Firma Gebrüder Wolff in Plauen und als deren Inhaber

  1. a) Herr Carl Otto Wolff, Kaufmann in Plauen und
  2. b) Herr Carl Hermann Wolff, Appreteur in Plauen

im Handelsregister für die Stadt Plauen unter der Nr.  295 eingetragen worden sind. 6)

 

Die Entwicklung des Unternehmens wird im Band I des Buches „Die Großindustrie des Königreichs Sachsen“ ausführlich geschildert. Daraus nachstehend die wichtigsten Stationen: 7)

Die Gebrüder Wolff führten das französische Appreturverfahren Crepe-lisse-Appret für feine Musseline (Mull) ein. Durch diese Appretur erhielt das Gewebe, weil es auf einer Klupprahmen deraillage mechanic-Einrichtung appretiert wurde, eine ungemein große Klarheit sowie Feinheit, was der Ware ein sehr elegantes Aussehen verlieh. Diese appretierten Stoffe verhalfen zu einem nie geahnten großen Aufschwung. Die Produktion verzehnfachte sich.

Im Jahr 1874 nahm man die Bleiche und Appretur für Stickereien auf. Als später durch Modeschwankungen die glatten Mullstoffe geringeren Absatz fanden, wurde dieser Ausfall, durch Einführung von Frankreichs Monopol-Artikeln, den kolorierten Tarlatanen (feines und gleichzeitig steifes Gewebe aus Baumwolle) und anderen glatten kolorierten Geweben ersetzt. Dafür wurde die Aufnahme einer Färberei notwendig.

Am 16. November 1877 erhielt die Firma unter der Nr. 1730 vom kaiserlichen Patentamt, das Erfindungspatent auf Hartgummi-Kluppflächen an Appretur-Rahmen. Es war das erste Plauener Unternehmen, das ein Patent zugesprochen bekam. Die Hartgummi-Kluppflächen ermöglichten es, dass Waren der verschiedensten Farben hintereinander auf einem solchen Rahmen appretiert werden konnten. Diese unporösen glatten Flächen waren leicht und rasch zu reinigen.

Die Gebrüder Wolff waren vermutlich die einzigen, die in Deutschland für Hamburger Großhändler aus England importierte Roh-Gardinen bleichten und appretierten. Deshalb hatte sich 1880 nach Einführung eines deutschen Schutzzolls gegen englische Gardinen das Unternehmen John Jacoby aus Nottingham mit mitgebrachten Maschinen und Bedienern hier in Plauen angesiedelt und diese Gardinen erstmals in Deutschland produziert.

Im Jahr 1885 entstand ein bedeutender Erweiterungsbau speziell für die Appretur der nunmehr in Sachsen selbstgefertigten englischen Gardinen.

Eingeführt wurde mit großem Erfolg die „Vakuumbleiche“. Durch Chloren und Säuren der Waren, die in besonderen Apparaten ausgeführt wurden, erreichte man noch ein besseres „Weiß“.

Einen großen Verlust erlitt die Firma am 20. März 1887 als Carl Hermann Wolff im Alter von 40 Jahren nach langem, schwerem Leiden starb. Das Familiengrab unter der Nr. 32 geführt, befand sich in der Abteilung II des Friedhofes I. Verheiratet war er mit Selma Hulda Wehinger aus Schandau an der Elbe. Aus der Ehe gingen vier Kinder hervor. Zwei Kinder starben im Kleinkindalter.
Die Familie bewohnte das Haus an der Straßberger Str. 85, das 1900 der Direktor der Vogtl. Maschinenfabrik (VOMAG) Hermann Dietrich kaufte.

Der Bruder Carl Otto führte die Firma als alleiniger Besitzer weiter. Zum damaligen Zeitpunkt beschäftigte das Unternehmen über 300 Arbeiter, sieben Kontoristen und zwei Färbemeister. Zwei Dampfmaschinen von 50 und 150 PS sowie sechs Dampfkessel lieferten die nötige Energie. Für das elektrische Licht sorgte eine Anlage der Edison-Gesellschaft. Außer bei der Staatlichen Unfallversicherungs-Berufsgenossenschaft waren die Arbeiter noch bei einer eigenen, durch die Besitzer gegründete Fabrikkrankenkasse gegen die materiellen Folgen von Unfällen und Krankheiten gedeckt.

Die Firma Wolff galt vor 1900 als die innovativste Bleicherei in Plauen.

Carl Otto starb am 23. November 1897 im 54. Lebensjahr an den Folgen eines Schlaganfalls. Er war Träger des Albrechtordens 1. Klasse. Seine 1869 geheiratete Ehefrau Maria Klementine Johanna Heinsius war die Tochter eines königlichen Postmeisters und Besitzers des Bades Mildenstein bei Leisnig.

Carl Otto besaß eine Villa an der Straßberger Str. 60, die leider 1945 bei einem Bombenangriff zerstört wurde. Er hinterließ einen Sohn, Otto Alfred (28.01.1872-26.06.1935), und zwei Töchter.

Nun war es Otto Alfred, der das Erbe seines Vaters weiterführte.  Am 26. Juni 1935 starb er im Alter von 63 Jahren an den Folgen eines Herzleidens und hinterließ seine Ehefrau, Anna Helene Dorothea geb. Leupold, zwei Söhne und zwei Töchter. Dorothea überlebte ihren Mann noch 26 Jahre und starb am 25. November 1961. Auf einer der Inschrifttafeln kann man ihre Daten lesen.

Die Firma erlosch lt. Handelsregistereintrag am 31. August 1935.8)

Quelle: Die Großindustrie des Königreichs Sachsen, Band I

 

Quellen:

1) Gesteinsbestimmung: Herr Ferdinand Heinz, Dresden

2) Wandstellenbuch Abteilung II Friedhof I

3) Tauf- und Sterbeeinträge Kirchenbücher St. Johannis

4) Vogtländischer Anzeiger und Tageblatt (VAT) vom 09.11.1852

5) Handbuch der Leistungsfähigkeit der gesamten Industrie der Kleinstaaten

   Norddeutschlands, der süddeutschen Länder, Elsass-Lothringens und der Schweiz

   von Christoph Sandler und Plauener Adressbuch von 1863.

6) VAT 25.01.1868

7) Auszüge aus dem Buch „Die Großindustrie des Königreichs Sachsen“, Band I, 1893

8) Handelsregister-Blatt 295 zur Firma Gebr. Wolff, Bestand 30131,

   Amtsgericht Plauen - Staatsarchiv Chemnitz 

Historische Adressbücher der Stadt Plauen

Einsicht in Todesanzeigen aus VAT – Vogtland-Bibliothek, Regionalabteilung

 

Februar 2025

© Brigitte Kunze