Grabstätte der Familie Oscar Hartenstein


Foto: Friedhof I, 2019

Kurzbeschreibung des Grabmals:

klassizistisch gestaltete Familiengrabstätte mit Bögen auf Halbsäulen, über die Fläche verteilte Inschrifttafeln aus indischem Nero-Granit und Lamprophyr (mittlere Platte),

vorgesetztes gesockeltes Kreuz mit Inschrift;

Das Grab wurde personengeschichtlich sowie als Werk der bildenden Kunst und des Kunsthandwerks unter Denkmalschutz gestellt.

Personengeschichtliche Bedeutung:

Die Familie Hartenstein war seit dem 16. Jahrhundert  in Plauen ansässig, deren Zweige als ehrbare Bürger und Handwerker hervortraten. Im 18. Jh. wandten sich die Vorfahren des Oscar Hartensteins dem Baumwollhandel zu. Hierzu zählte auch dessen Großvater, Carl Gottlob Hartenstein. 

Oscar Hartenstein (18.05.1832-25.06.1893) wurde geboren als zweiter Sohn von Carl Heinrich Hartenstein und Auguste, geb. Eidner. Der Vater starb, als Oscar neun Jahre alt war und hinterließ Frau und weitere drei Geschwister. Die Mutter heiratete spcar äter den Kaufmann Gustav Morell, der das Familiengeschäft weiterführte, bis Julius Hartenstein, der ältere Bruder Oscars, es übernahm. Oscar machte eine Ausbildung als Kaufmann. 

1858 heiratete er Caroline Sophie Döring. 1859 wurde Tochter Marie Camilla geboren, 1862 der erste Sohn, Leopold Oscar. Die kleine Familie zog 1870 in die Bahnhofstraße. Hier wurde 1867 Margarethe Frida und 1875 Walther geboren, der aber bereits mit vier Jahren verstarb. 

Bildquelle: Die Familie L. O. Hartenstein und ihre Bedeutung für die vogtländische Textil- und Gardinenindustrie,
Hrsg. Stadt Plauen, Katrin Färber u. Beate Schad, 2020

1860 übernahm Oscar das von seinem Schwiegervater August Doering 1830 gegründete Unternehmen, in dem hauptsächlich Mulle und Zwirngardinen vertrieben wurden. Sie waren damals die gebräuchlichste Fensterbekleidung.
Sehr bald errichtete Oscar Hartenstein auf dem Grundstück Dobenaustraße ein Fabrikgebäude, in dem Maschinen zur Weberei von Zwirngardinen und Mullen aufgestellt wurden. Die gewebten Gardinen sorgten für einen  Aufschwung, man spürte aber auch die Konkurrenz aus England. Dort fertigte man gewebte  Tüllgardinen. Oscar Hartenstein war der erste, der englische Maschinen nach Deutschland importierte; eine plötzliche Geschäftsstagnation veranlasste ihn aber, diese Maschinen wieder zu verkaufen. Sein in den 1880er Jahren aus dem Ausland zurückgekehrter Sohn Leopold Oscar Hartenstein griff den alten Gedanken seines Vaters, verbunden mit neuen in England und Frankreich gewonnenen Eindrücken auf. Er kaufte eine große Anzahl neuer englischer Maschinen, bauliche Vergrößerungen folgten. Die englische Tüllgardine begann ihren Siegeszug.

Der älteste Sohn Leopold Oscar wurde gut ausgebildet, um das väterliche Unternehmen weiterzuführen. 1889 übergab Oscar schließlich die Firma an ihn. Leopold Oscar ehelichte 1891 Emmy Zöbisch, Tochter des Textilveredlers Robert Zöbisch. Das Paar bezog 1898 eine stattliche Villa in der Moltkestraße 11. Das herrschaftliche Anwesen verfügte über eine Parkanlage, Pferdeställe und ein Gewächshaus. 

Villa Hartenstein in der Moltkestraße
Bildquelle: https://www.plauen-geschichte.de/villen/moltkestra%C3%9Fe-14/

Fotoquelle: Plauener Stadtvillen, Andreas Stephan, 2025

In den 1890er Jahren wurden in Lengenfeld eine eigene Appreturanstalt, Bleicherei und Färberei sowie 1906 eine Spitzenweberei errichtet.

Leopold Oscar wirkte neben dem Unternehmertum von 1901-1906 als Stadtverordneter und von 1909-1919 als Stadtrat. 1911 wurde ihm der Titel Kommerzienrat verliehen. Als erfolgreicher Unternehmer gehörte er zudem zu den 25 Plauener Millionären.
Auch die Söhne Leopold Oscars und Emmys, Robert Lepold Oscar und Carl Robert Rudolf, traten in die Fußstapfen des Vaters. 

Bildquelle: Die Familie L. O. Hartenstein und ihre Bedeutung für die vogtländische Textil- und Gardinenindustrie,
Hrsg. Stadt Plauen, Katrin Färber u. Beate Schad, 2020

Nach dem ersten Weltkrieg folgten Erweiterungsbauten in Plauen, die insbesondere von den 1915 als Teilhaber eingetretenen Söhnen des Leopold Oscars, Oscar und Rudolf, durchgeführt wurden. Das Jahr 1921 brachte den Zusammenschluss der Abteilung Spitzenweberei Lengenfeld mit der seit 1883 bestehenden Spitzenweberei Richard Kant in Plauen. Deren Geschäftsräume wurden in der Hans-Sachs-Straße als Zentralstelle für die unter Hinzukauf der Zwickauer Spitzen-Weberei GmbH neu gegründeten Webspitzen-Werke Hartenstein - Richard Kant GmbH eingerichtet. Diese Firma zählte zu den größten deutschen Spitzenwebereien.

Nebenher lief die finanzielle Interessennahme an der Tüll- und Gardinenweberei AG.

Das gesamte Unternehmen Firma Hartenstein umfasste in der Zeit um 1926 die Gardinenweberei in Plauen, die Färberei, Bleicherei und Appreturanstalt in Lengenfeld, die Mullweberei in Lengenfeld, die Spitzenwebereien in Plauen, Lengenfeld und Zwickau. Beschäftigt wurden damals ca. 1200 Angestellte und Arbeiter.

 

 

Oscar Hartenstein heiratete 1927 Lissi Roßbach. Sie wohnten in einer Villa in der Tischendorfstraße. 

Rudolf Hartenstein ehelichte 1929 Regine Hendel. Ihnen wurde im selben Jahr das einzige Kind Hans-Leopold geboren.

Bildquelle: Die Familie L. O. Hartenstein und ihre Bedeutung für die vogtländische Textil- und Gardinenindustrie,
Hrsg. Stadt Plauen, Katrin Färber u. Beate Schad, 2020

Der Zweite Weltkrieg beendeten das Wirken der Familie Hartenstein in Plauen. Die Villa in der Moltkestraße fiel 1945 den Bomben zum Opfer, die Villa in der Tischendorfstraße wurde 1969 abgerissen. 

Oscar und Rudolf begannen mit ihren Familien ein neues Leben in der Bundesrepublik. 

Hans-Leopold Hartenstein gründete die nach ihm benannte Stiftung, um das Industriedenkmal seiner einstigen Heimatstadt zu unterstützen. So wurde seit 2003 die Sanierung des Weisbachschen Hauses und die Entstehung der Fabrik der Fäden mitfinanziert. Auch die Erhaltung und Pflege des Familiengrabs auf dem Friedhof I wird von der Stiftung aufrechterhalten.

Bildquelle: Die Familie L. O. Hartenstein und ihre Bedeutung für die vogtländische Textil- und Gardinenindustrie,
Hrsg. Stadt Plauen, Katrin Färber u. Beate Schad, 2020

 

Quellen:

Deutschlands Städtebau Plauen i. Vogtl., DARI Deutscher Architektur- und Industrie-Verlag, Berlin-Halensee, 1926, Seite 96-97

Die Familie L. O. Hartenstein und ihre Bedeutung für die vogtländische Textil- und Gardinenindustrie, Hrsg. Stadt Plauen, Katrin Färber u. Beate Schad, 2020

Brigitte Kunze

Plauen 2020