Grabstätte Nietzsche/Böhler/Mammen

 

Beschreibung des Grabmals:

 

Die Grabmalkunst des 19. Jahrhundert wird von Einflüssen der Romantik geprägt. Deutlich wird es am Beispiel des Eichenbaumstumpfes. Er symbolisiert die gebrochene Willenskraft, der über der Schriftrolle angeordnete Lorbeerkranz weckt die Vorstellung von der  Unsterblichkeit. Die Zeit spricht dafür, dass dieses Grabmal bereits auf dem ehemaligen Friedhof am heutigen Lutherplatz stand. Hier fand August Theodor Nietzsche, gestorben am 13.08.1863, seine letzte Ruhe.

Auf der herab gleitenden Schriftrolle sind weiterhin die Lebensdaten von Dr. Ernst Albrecht Nietzsche und Christian Franz Nietzsche eingraviert. Er fiel im Ersten Weltkrieg bei La Neuville südlich Saint Souplet in Frankreich. 

1998 wurde dieses Grabmal als Werk der bildenden Kunst und des Kunsthandwerks unter Denkmalschutz gestellt.

Angaben zum Gestein: Baumstumpf aus Sandstein, Wandtafel aus Zöblitzer Serpentin

 

Personengeschichtliche Bedeutung:

 

Dr. phil. Ernst Albrecht Nietzsche,  am 15.04.1853 in Plauen geboren, war Besitzer der bekannten Bleicherei, Färberei und Appreturanstalt an der Böhlerstraße 40. Er besuchte bis Ostern 1868 das Gymnasium und dann die Gewerbeschule in Chemnitz. Er studierte Chemie. 1890 wurde er in das Stadtverordnetenkollegium berufen und wirkte ab April 1895 als Vicevorsteher der Stadtverordneten bis zu seinem frühen Tod am 04.07.1899. Ernst Albrecht heiratete am 30.08.1879 Thekla Adelina, geb. Mammen (04.09.1858-06.02.1946), eine Tochter von Mammen Hinrich Mammen, dem Bruder von Franz August Mammen (siehe Denkmalgrab Nr. 32). Gemeinsam hatten sie sieben Kinder.

Mit in der Grabstätte ruhen Angehörige der Familie Böhler in 3. und 4. Generation zu Friedrich Ludwig Böhler (09.06.1768-15.05.1849), dem Plauener Handelsherrn und Industriellen, nach dem auch eine Straße benannt wurde.

 

Quelle: VAT Nr. 154, S. 2 v.06.07.1899 und Nr. 155 v. 07.07.1899

 

Wie bereits erwähnt, gilt der erste Eintrag auf der Schriftrolle des Grabmals August Theodor Nietzsche. Geboren am 25.06.1819 in Nirmsdorf bei Weimar und Sohn des Pfarrers Friedrich August Engelbert Nietzsche, heiratete er am 20. Juni 1847 Marie Caroline Böhler (15.06.1828-30.12.1886), die älteste Tochter des Industriellen Christian Carl Böhler. Dieser übertrug im April 1859  seinen Söhnen Philipp Ludwig und Julius Heinrich Böhler sowie seinem Schwiegersohn August Theodor Nietzsche das Unternehmen F.L. Böhler & Sohn, bestehend aus Handlungs-, Fabrik- sowie Bleicherei- und Appreturgeschäft. August Theodor starb 1863 und hinterließ die Ehefrau sowie drei minderjährige Kinder. Marie Caroline führte das Unternehmen zusammen mit ihren zwei Brüdern weiter.

 

Nach Ausbildung und Studium trat der bereits auf der Schrifttafel erwähnte Dr. phil. Ernst Albrecht Nietzsche in die Familienfirma ein. Die Inhaber beschlossen 1880 eine Teilung der Firma, so dass jeder der verbliebenen zwei Linien eigene Geschäfte führte, ohne in Konkurrenz miteinander zu geraten. Familie Nietzsche führte am ersten Standort der Firma Böhler (heutige Böhlerstraße) die Textilveredlung (Bleicherei, Appretur und Färberei).

Dr. Ernst Albrecht Nietzsche starb 1899 im Alter von 46 Jahren und hinterließ im Unternehmen eine große Lücke.  Auch hier war es die Ehefrau, also Thekla Adelina, geb. Mammen, die die Leitung des Unternehmens übernahm. Die Adressbücher von Plauen weisen 1940 noch  die Witwe Thekla Adelina Nietzsche sowie den Schwiegersohn, den Ehemann ihrer Tochter Anna Louise, Friedrich Brucker, als Geschäftsführer aus.  

 

Quelle: Plauener Adressbuch von 1940

Nach 1945 bis 1972 wurde die Firma privat bzw. halbstaatlich von der Familie Thomsen weiter geführt. Lina Maria Margarethe Nietzsche, eine Tochter von Ernst Albrecht Nietzsche heiratete den Kaufmann Hans Thomsen. Der hier geborene Sohn Herbert fiel 1945 in Berlin. Die hinterbliebene Ehefrau Antonie Henriette Thomsen, ebenfalls wieder eine Frau, leitete das Unternehmen bis 1972.  Danach ging das Unternehmen in den VEB Vowetex Plauen über. Noch bis 1990 wurde dort produziert. Über Jahre standen die Fabrikgebäude leer, einsturzgefährdet wurden sie 2006 abgerissen. 12 Jahre existierte hier eine Industriebrache Am 03. Februar 2018 fand die feierliche Eröffnung eines neuen Autohauses statt.

 

 

Foto: Ellen Liebner, Freie Presse vom 07.02.2006

 

Die Familiengrabstätte Nietzsche befindet sich nicht mehr im Originalzustand.

In den 1950er Jahren wurde die Friedhofsmauer entlang der Ecke Reißiger Straße  und Goethestraße erneuert, die dahinter liegenden individuell gestalteten Wandgrabstellen gingen verloren und wurden nicht wieder aufgebaut. Man hat nur die Inschrifttafeln an der verputzten Mauer befestigt. Die Grabstätte gewinnt durch das Grabmal in der Gestalt des Eichenbaumstumpfes etwas an Flair.

 

Foto von Herrn Schneider einfügen

Nach der Eröffnung des Friedhofs I waren Plauener Persönlichkeiten, Fabrikanten, gut betuchte Bürger, nachdem ihre Grabstätten auf dem Lutherfriedhof nicht mehr belegt werden konnten, an neuen Familiengrabstätten interessiert, so auch die Familien Böhler und Nietzsche. Sie erwarben die  Nutzungsrechte für drei Wandgrabstellen nebeneinander liegend an der Friedhofsmauer in der Abteilung C. Rudolf Böhler, der Sohn des Industriellen Carl Christian kaufte die Wandgrabstelle Nr. 32, die Witwe Marie Caroline Nietzsche die Nr. 33 und Julius Heinrich Böhler die Nr. 34.

 

Quellen:

Akte des Rates der Stadt Plauen - Die auf Ansuchen erfolgte Überlassung von Familienbegräbnisstellen auf hiesigem neuen Gottesacker ergangen 1866

Wandstellenbuch Friedhof I

Erhalten blieb die Grabstätte 32 und es bestehen auch weiterhin Nutzungsrechte. In ihr ruhen Ottilie Luise Böhler (17.09.1865-21.03.1886), die jüngste Tochter von Philipp Ludwig Böhler, der 1886 schon nicht mehr im Unternehmen Böhler tätig war und in Berlin lebte, Rudolf Böhler  (07.12.1840-17.02.1887), er war mit Pauline Debora Martha Mammen verheiratet. Dr. Ernst Albrecht Nietzsche (15.04.1853-04.07.1899), Christian Franz Nietzsche (15.12.1894-04.10.1915), Thekla Adelina geb. Mammen (04.09.1858-06.02.1946) sowie  Thomsen Antonie Henriette Tony Thomsen.

In der Grabstätte 33 liegen:

Hermann Walther Nietzsche, Kaufmann und Bankier (04.09.1851-07.05.1880), verheiratet gewesen mit Laura Eugenie Facilides.

Marie Caroline Nietzsche, geb. Böhler (15.06.1828-30.12.1886)

Marie Louise Martha Nietzsche, ledig, (16.08.1880-13.06.1899)

In der Grabstätte 34 liegen:

Frieda Voigtländer, 1 Kind im Alter von 1 Jahr und 3 Monaten

Kommerzienrat Julius Heinrich Böhler (03.07.1831-08.11.1898)

Bertha Louise Böhler, geb. Benner (29.08.1836-24.08.1919)

Rudolph Albert Böhler, Kaufmann (03.05.1868-30.11.1932) gestorben in Jocketa

 

Wissenswertes zum Philosophen Friedrich Wilhelm Nietzsche (15.10.1844-25.08.1900)

In die Familie von August Theodor Nietzsche ist der bekannte Philosoph Friedrich Nietzsche (15.10.1844-25.08.1900) mit einzuordnen. August Theodor Nietzsches Großvater (29.01.1756-16.03.1826) war Pfarrer, später Superintendent in Eilenburg. Aus der ersten Ehe mit Johanna Friederike Richter (10.06.1757-14.10.1805) stammen 7 Kinder. Er heiratete am 09.10.1809 Erdmuthe Dorothea Krause, geboren am 11.12.1778 in Reichenbach/Vogtland. Aus dieser Ehe gingen drei Kinder hervor. Der zweite Sohn Carl Ludwig Nietzsche, ebenfalls ein Pfarrer (10.10.1813-30.07.1849) ehelichte am 10.10.1843 Franziska Ernestine Rosaura Oehler (02.02.1826-20.04.1897). Der erstgeborene Sohn Friedrich Wilhelm ist als deutscher klassischer Philologe, Philosoph, Dichter und Komponist bekannt geworden und in die Geschichte eingegangen.

Nietzsche um 1875

Quelle: wikipedia.org/wiki/Friedrich_Nietzsche